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Film: "Stöld" – "Stolen" – "Das Leuchten der Rentiere"

Die Verfilmung von Ann-Helén Laestadius‘ Roman „Stöld“ (siehe Bloggeintrag zu Ann-Helén Laestadius) in Regie von Elle Márjá Eira ist seit dem 12. April 2024 auf Netflix zu sehen. Sie zeichnet sich in erster Linie dadurch aus, das sie das Buch ernst nimmt und dadurch alle Vorzüge des Romans auch ins Medium des Films transportiert.

Darüber hinaus trifft der Film einige Entscheidungen für sich, die wie eine konsequente Weiterführung der Themenwelt des Buches wirken. So ist die Originalsprache hauptsächlich Samisch. Weiterhin arbeitet der Film mit einer Besetzung, die sich traut, zu großen Teilen eher wenig etablierte Schauspielende einzubinden, die sich dafür mit traumwandlerischer Sicherheit in der samischen Sprache und Kultur, sowohl im Kolt wie auch unter Rentieren oder auf Schneescootern bewegen. Damit hat die Produktion eine weitere kulturelle Entscheidung getroffen, die sich angesichts des Sujéts sehr angemessen anfühlt und die Verfilmung qualitätiv bereichert.


Inhaltlich finden wir vom ersten Moment an zu Elsa, ihrer Familie und ihrer Liebe zu den Rentieren. Der Film beginnt, indem er uns mitnimmt in den Moment, in dem die neunjährige Elsa ihr erstes Kalb markiert. Wir begreifen durch unser Dabeisein intuitiv den Stellenwert dieser traditionellen Handlung und auch die besondere Beziehung, die das Kind und das Rentier-Kind zueinander aufbauen dürfen.

Die schonungslose Brutalität, die Elsa mit dem Tod ihres Kalbes Nástegállu erlebt, wird also direkt erfahrbar. Genauso glasklar entwickeln sich die Konflikte des Romans: die Rentiertötungen, die ausbleibende Unterstützung durch die Polizei und die Kategorisierung der Taten als „Diebstahl“, die wachsende Frustration unter den Samen, aber auch das Gefühl der Benachteiligung unter den schwedischen Einwohnern der Gegend, die teils starke Vorbehalte bis hin zu rassistischen Zuschreibungen gegenüber den Rentierhaltern pflegen. All dies basiert auf realen Geschehnissen. Der Film spiegelt die schrittweise Eskalation der Konflikte mitreißend wider.

Im Kontrast hierzu beeindruckt er durch berauschende Aufnahmen der nordschwedischen Landschaft, wie sie von Rentierherden durchkreuzt wird und eignet sich durch deren ruhige Bildgewalt für die große Leinwand. Auch die Perspektive von Elsa und ihrer Familie, zu deren Alltag es gehört, sich in den Weiten dieser Weidegründe zu bewegen, der Natur nahe zu sein, findet vorrangig in beeindruckenden Bildern statt großen Worten ihre Berechtigung.

Da in diesen Landesteilen über lange Zeiten des Jahres Schnee liegt, gehören auch wilde Fahrten mit dem Schneescooter durch die weite Landschaft dazu. In den Actionszenen bekommen diese geradezu stunt-ähnlichen Charakter.

Atmosphärische und malerische Darstellungen wichtiger Momente in der samischen Tradition wie z.B. des Kalvmärknings (Markieren der Kälber), einer samischen Beerdigung oder auch des alljährlichen Marktes in Jokkmokk, bereichern als friedliche Intern-Blicke. Der Film gönnt sich auch seine leise kitschigen Momente zur samischen Kultur und Lebensweise, die sich vielleicht nicht alle im Buch finden, aber die in Maßen einen beruhigenden und starken Gegenpol zu den verstörenden Bilder der gequälten und getöteten Rentiere setzen.


Denn im Großen und Ganzen ist Rentierhaltung weit mehr, als mit dem Schneescooter über weiße Weiten zu brausen und flauschige Kälbchen mit Rentiermoos zu füttern. „Die Rentiere sind ja nicht nur ein Job, sie sind ihr ganzes Leben“, sagt Laestadius über die samischen Rentierhalter. Auch die harten Seiten dieser samischen Lebensweise werden geschildert. Klimabedingte Veränderungen in der Natur, die den Rentieren das Leben erschweren und zu neuen Entscheidungen in der Haltungsweise führen werden ebenso thematisiert wie die Konflikte, die seit Generationen die Einwohnerschaft in den kleinen und von der Wohlfahrt vergessenen Ortschaften spalten, in denen sowieso seit Generationen jeder jeden kennt. Aus schwedischer Perspektive ist oft nicht nachvollziehbar, warum für ein totgefahrenes Ren, das einen schweren Autounfall verursacht hat, noch staatliche Entschädigungen gezahlt werden sollen oder warum eine Mine, die viele Arbeitsplätze in die Gegend bringen würde, nicht in die Weidegründe der Rentiere gebaut werden soll. Dass sich hier verschiedene Existenznöte miteinander streiten und es oft wahrscheinlich keine richtig gute Lösung gibt, ist eine deprimierende aber realistische Dimension der Geschichte von Ann-Helén Laestadius – weit weg von Romantik eines „Rentier-Leuchtens“.

Im Extrem führen diese Konflikte nämlich zu aggressiven Auseinandersetzungen, zu Einschüchterungen und Bedrohungen und deren Eskalation, zu Angst, zu Depression und Selbstmord.

Es ist also eine brutale Realität, in die wir durch den Film mitgenommen werden, doch erzählt wird die Geschichte um Elsa und ihre Familie genauso einfühlsam wie spannend – und dies von der ersten bis zur letzten Minute.


Dauer: 105 min

Regie: Elle Márjá Eira

Drehbuch: Peter Birro

Musik: Lasse Enersen

Cast: Elsa (neunjährig): Risten-Alida Siri Skum, Elsa (erwachsen): Elin Kristina Oskal, Mattias: Lars-Ánte Wasara, Robert: Martin Wallström, Nils-Johan: Magnus Kuhmunen, Lasse: Pávva Pittja

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