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Ann-Helén Laestadius: Eine samische Diplomatin

Aktualisiert: 28. Mai

Die schwedisch-samische Autorin und Journalistin Ann-Helén Laestadius, geboren 1971, stammt aus Kiruna und lebt im Stockholmer Stadtteil Solna. In ihren Arbeiten findet sich immer wieder das Element der Vermittlung zwischen genau jenen zwei Welten und man kann behaupten, dass dies eins ihrer Hauptmotive ist: Die Welt der Samen und ihre Kultur der Rentierhaltung, die sich selbst im Norden Schwedens immer wieder in Frage gestellt sehen muss, begreiflich zu machen für Menschen, die sich nicht nur geografisch weit entfernt hiervon befinden.

Bereits 2007 gewann Ann-Helén Laestadius einen Wettbewerb mit ihrem ersten Jugendbuch „Sms från Soppero“ (dt. „Sms aus Soppero“), das eine Auseinandersetzung mit kultureller Zugehörigkeit zwischen samischen Traditionen und Stockholmer Alltagsrealität ist. Etliche weitere Jugendromane folgten. Hiervon gewann „Tio över ett“ (dt. „Zehn nach eins“) im Jahr 2016 den schwedischen Augustpreis und 2017 den Literaturpreis Norrlands. In diesem Buch geht es um die Auswirkungen, die das Leben in der Stadt Kiruna mit nächtlichen Sprengungen in der Eisenerz-Mine unter Tage und dem geplanten Umzug der Stadt, auf das Teenagermädchen Maja hat. „Viele Außenstehende finden das, was in Kiruna passiert, faszinierend, aber ich kann mich von dieser Einstellung provoziert fühlen“, sagt Laestadius.

Ann-Helén Laestadius‘ erster Roman für ein erwachsenes Publikum aus dem Jahr 2021 ist „Stöld“ (direkte Übersetzung: „Diebstahl“, Titel der deutschen Übersetzung von Maike Barth und Dagmar Mißfeldt im Verlag Hoffmann&Campe „Das Leuchten der Rentiere“). „Stöld“ wurde im Jahr seines Erscheinens zum Buch des Jahres gekrönt und ist in einer aktuellen Verfilmung in Regie von Elle Márjá Eira seit dem 12. April 2024 auf Netflix zu sehen.

2023 erschien Ann-Helén Laestadius‘ zweiter Roman für Erwachsene, „Straff“ (dt. „Strafe“ - Titel der deutschen Übersetzung von Maike Barth und Dagmar Mißfeldt im Verlag Hoffmann&Campe „Die Zeit im Sommerlicht“).


Stöld (Das Leuchten der Rentiere)

In „Stöld“ werden die Konflikte zwischen samischen Rentierhaltern und ihren schwedischen Dorfnachbarn in den kleinen nordschwedischen Gemeinden aus Perspektive der Hauptfigur Elsa erzählt, die in ihrer Familie traditionell mit den Rentieren aufwächst und zu Beginn des Buches neun Jahre alt ist.

Die Geschichte wird damit eröffnet, dass Elsa, die an diesem Tag erstmals allein mit ihren neuen Skiern zum Rentiergehege der Familie gelaufen ist, ihr Rentier-Kalb geschlachtet und mit abgeschnittenen Ohren vorfindet. Sie allein sieht genau, wer der Mörder ist, und ebenso die stumme Drohung, die er äußert und die sie dazu bringt, über viele Jahre den Mund zu verschließen und den Täter nicht preiszugeben. Dieser wütet weiter; mal sind Rentiere offenbar getötet und gestohlen, manchmal auch einfach sadistisch gequält und hingerichtet worden.

Die Untätigkeit der Polizei und das Anrennen gegen eine unbewegliche Bürokratie, die diese Taten stoisch als „Diebstahl“ klassifiziert, vor dem Hintergrund immer größerer Anstrengungen, um die Rentiere zu schützen, tragen zur wachsenden Wut und Verzweiflung auf Seiten der samischen Rentierhalter bei.

Doch selbst innerhalb der traditionsverhafteten samischen Gesellschaft bleibt leider eine Spaltung nicht aus; zeigt Laestadius doch auch, wie sehr es hier noch ungewöhnlich ist, dass Frauen sich beruflich für die Rentierhaltung entscheiden, und nicht nur indirekt als Frau eines Rentierhalters diese Lebensweise mit tragen, was auch schon seine Opfer mit sich bringt. Wenn diese jungen Rentierhalterinnen darüber hinaus noch den Mund aufmachen und sich lautstark zur Wehr setzen an Stellen, die als undiplomatisch und unpassend empfunden werden, ohne dabei auf die Hierarchien innerhalb der samischen Community Rücksicht zu nehmen, ist auch hier der Konflikt spruchreif. Hier wird Elsas Kampf einerseits vielschichtig und kritisch beleuchtet und gewinnt dadurch an Tiefe. Immer wieder muss sie die Stärke zur Auseinandersetzung finden, da ihr teils auch in den eigenen Reihen mit Zweifeln und Gegenwind begegnet wird.

Generell lässt Laestadius ihren Figuren mit Feingefühl den Raum, sich zur Gültigkeit im Herzen des Lesers zu entfalten. Hierbei wird Elsas Umfeld, geprägt durch die samische Kultur einer Familie, die in althergebrachter Weise mit den Rentieren arbeitet und in ihrem Rhythmus lebt, eine Wärme und Hingabe zuteil, die man kaum ohne Zuneigung lesen kann.

Doch selbst Robert Isaksson, der Antagonist in „Stöld“, dessen teils grausame Rentiertötungen ihn für das Buchgeschehen klar verorten, wird nicht unreflektiert und flach stehengelassen sondern bleibt eine Figur mit Facetten, nährt sich aus vielerlei Formen der Kargheit und Verarmung.


„Stöld“ ist ein reiches und empathisches Buch, weil es Ungerechtigkeit, Rassismus und gesellschaftliche Schieflagen thematisiert, ohne propagandistisch zu werden, weil es die Vielschichtigkeit der Probleme nicht verliert, und bei allen damit verbundenen Depressionen auch nicht die Hoffnung.


Straff (Die Zeit im Sommerlicht)

Aktuell am 4. April 24 auf deutsch erschienen ist Ann-Helén Laestadius‘ zweiter Erwachsenenroman „Straff“ (dt. „Strafe“) unter dem deutschen Titel „Die Zeit im Sommerlicht“ im Verlag Hoffmann&Campe.

Dieser Roman beschäftigt sich mit der Aufarbeitung eines schmerzhaften Kapitels der schwedisch-samischen Geschichte, den sogenannten „Nomadenschulen“. In diese Internate wurden in den 50er Jahren samische Kinder zur Umerziehung geschickt. Sie durften dort von einem Tag auf den anderen ihre samische Muttersprache nicht mehr sprechen, ihre Kultur (auch in Form des traditionellen Joik-Gesanges) nicht praktizieren und mussten die schwedische Sprache und Lebensweise lernen.

So geschieht es auch den Figuren in „Straff“ Else-Maj, Jon-Ante, Nilsa, Marge und Anne-Risten, deren Leben sich entlang der traumatischen Erfahrungen in eben jener Nomadenschule rankt. Sie alle kommen mit sieben Jahren auf das Internat, in dem „Heimmutter“ Rita Olsson ihr strenges und teils sadistisches Regiment führt. Der Roman spiegelt die Erfahrungen der Kinder in Rückblicken und schildert einige Jahrzehnte später die Erwachsenen, die sie im weiteren Leben geworden sind. Alle haben sich in ihrer Entwicklung irgendwie zum Trauma der Nomadenschule verhalten, allerdings sehr unterschiedlich. Und alle werden ungern an dieses Trauma erinnert, als plötzlich Rita Olsson auf der Bildfläche erscheint, leise und selbstverständlich, als gäbe es die Vergangenheit nicht. Doch auch Anna, eine Erzieherin aus eben jener Schulzeit, die den Kindern als einziger Halt eine seelische Unterstützung war, taucht wieder auf, und auch zu ihr wollen und müssen sie sich verhalten.


Ann-Helén Laestadius zeichnet sich generell durch eine einfühlsame Erzählweise aus, die zudem immer wieder gerne mit voller Ernsthaftigkeit und großem Respekt die Perspektive von Kindern und Jugendlichen einnimmt. Obwohl „Stöld“ ein Roman für Erwachsene ist, wird er zu großen Teilen aus Perspektive der Hauptfigur Elsa erzählt, die zu Beginn des Buches eben erst neun Jahre alt ist. Hierbei entlarven sich die Versuche der Erwachsenenwelt, Elsa aus dem verstörenden Geschehen um die Rentierherde der Familie herauszuhalten, um sie zu schützen, als sehr begrenzt, da Elsa mit unerhörter Klarheit und feinen Sensoren ihre Umwelt erfasst.

Ähnlich besteht ein großer Teil der Erzählstärke im Roman „Straff“ daraus, dass Laestadius den Spagat zwischen den Rückblicken auf die Zeit in der Nomadenschule aus der Perspektive der Kinder und der späteren Welt der Erwachsenen problemlos meistert. Sie setzt hierbei etwas um, das man selbstverständlich finden aber dennoch nicht oft genug denken kann: Die Quelle der heutigen Erwachsenen sind eben immer die Kinder von gestern.

Trotz gewichtiger Themen und brutaler Realitäten involvieren beide Romane die Lesenden schnell und sind vor allem sehr spannend. Sie tragen geradezu leichtfüßig einen großen Brocken unterrepräsentierte Kultur an uns heran. Laestadius selbst sagt hierzu: „Das mit den samischen Themen kam erst viel später zu mir, im Erwachsenenalter. Da begann ich zu überlegen: Es sind doch diese Geschichten, die unerzählt sind. Sie sind es doch, mit denen ich die Chance habe, literarisch etwas beizutragen, das noch nicht geschrieben wurde.“


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